40 Jahre Samye Ling in Schottland

"Der Wahre Weg - von Tibet nach... Eskdalemuir"

Ein Artikel aus "The Scotsman", 2007

Vor vierzig Jahren kam ein junger Mann in das Dorf Eskdalemuir in Dumfriesshire. Ein Freund hatte ihn in einem Schrottauto von Oxford hergefahren und als sie an der Kirche ankamen, gab der Motor endgültig seinen Geist auf. Der junge Akong Rinpoche beendete die Reise zu Fuß und marschierte zum Jagdhaus, welches zum ersten buddhistischen Kloster im Westen werden sollte.

Akong Rinpoche war gerade mal 28 Jahre, hatte aber bereits ein ganz außergewöhnliches Leben gelebt. Bereits im Alter von drei Jahren verließ er seine Eltern, er war zu einem Tulku (wiedergeborener Lama) erklärt worden und wurde in einem Kloster erzogen, welches in einer abgelegenen Gegend in Tibet lag. 1959 befand er sich in einer Gruppe von 300 Menschen, welche Tibet verlassen wollten und nach Indien flohen - viele starben an Hunger und Kälte und nur 13 überlebten die Reise.

Akong schaffte es letztendlich nach England und lebte mit seinem Gefährten Tulku Chogyam Trungpa vier Jahre in Oxford, bis 1967. Die Zeiten waren hart und die zwei Flüchtlinge lebten von dem Verdienst Akongs als Krankenhauspflegehelfer. An einem kalten frostigen Tag im Januar 1967 sollten sich die Dinge ändern. Akong hatte sich frei genommen um Johnstone House in Eskdalemuir zu besuchen, welches den beiden angeboten worden war um es als Zentrum zu nutzen. Dieser Ort wurde Samye Ling, das erste buddhistische Kloster in Europa, welches in den ersten Jahren während der Hippiezeit von Leonard Cohen und David Bowie frequentiert wurde.

Samye Ling, trotz seiner abgelegenen Lage, wurde sowohl ein spiritueller Sammelpunkt als auch eine touristische Attraktion der schottischen Borders, ein Ort der Belehrung und Heilung und ein Zentrum für die Beschaffung von Geldern für humanitäre Projekte auf der ganzen Welt. 1992 kauften die Buddhisten die Insel Holy Island welche zur Insel Arran gehört. Sie wurde zu einem Zentrum für den Weltfrieden unter der Leitung von Lama Yeshe Rinpoche, Akongs Bruder.

Der Klosterkomplex welcher jetzt auf dem Grund von Johnstone House entstanden ist, hat eine außergewöhnliche Geschichte - wie es sich schickt für einen Platz mit dem Namen "Land jenseits der Gedanken". Und doch als Akong das erste Mal in Schottland ankam war wie er es beschreibt "Ein Bettler mit einem Wanderstab und einer Bettelschale".

"Als wir beschlossen hatten das Anwesen zu kaufen, kostete es 3500 Pfund, was 1967 eine Menge Geld war. Zu diesem Zeitpunkt besaßen Trungpa und ich 50 Pfund. Aber nach meiner Erfahrung kommt das Geld, wenn man einfach anfängt. Wenn man zuerst einen Finanzierungsplan macht, funktioniert es nie". Akong Rinpoche und Chogyam Trungpa hatten große Härten erfahren, seit sie aus Tibet geflohen waren. Nach einem Aufenthalt in Indien, wo sie halfen, eine Schule für junge Lamas zu leiten, wurde Trungpa nach Oxford eingeladen, um zu studieren. Akong Rinpoche, welcher ein ausgebildeter tibetischer Arzt war und welcher als Tulku sein bisheriges Leben wie ein Prinz behandelt worden war, arbeitete als Pflegehelfer im Krankenhaus, um sie beide zu ernähren.

"In den ersten drei Jahren hatten wir nicht genug zu Essen. Mit meinem Lohn bezahlten wir die Pension, kauften das billigste Essen und oft hatten wir nicht genug Geld für den Strom." Allmählich sammelten sich Anhänger um die zwei jungen Tibeter und 1966 erhielten sie ein interessantes Angebot, die Möglichkeit ein buddhistisches Zentrum in Schottland zu kaufen. Zu jenem Zeitpunkt gehörte es der Anandabohdi Gruppe, welche nach Kanada zurückkehren wollte.

Über diese Anfangszeit sagt Akong Rinpoche: "Wir hatten nicht so viele spirituelle Aktivitäten, dafür hatten wir Hippies". Unerwarteter Weise wurde dieser abgelegene Ort in Dumfriesshire einer der beliebtesten Orte, zu denen die Hippies pilgerten. Bauern aus der Umgebung reden heute noch davon, wie sie John Lennon und Yoko Ono begegneten, die auf den Pfaden um Johnstone House spazieren gingen. Leonard Cohen lebte für einige Monate in der Nähe und David Bowie zog ernsthaft in Erwägung, ein Mönch zu werden, als er dort war.

Die meiste Aufregung konzentrierte sich auf Trungpa, welcher sich mit wilder Hingabe in das Hippieleben stürzte, er war jedoch auch ein außergewöhnlicher Gelehrter und Schriftsteller. Nach einer Reihe wilder Eskapaden, wie zum Beispiel, mit einem Sportwagen in einen Scherzartikelladen zu brausen, beschloss er zu guter Letzt, Schottland sei nichts für ihn und setzte sich nach Kanada ab.

Während dieser Zeit sagt Akong Rinpoche war er meistens damit beschäftigt "die Betten zu machen und den Garten umzugraben". Aber als Trungpa floh, fand Akong sich selbst als Direktor von Samye Ling vor. Menschen ersuchten ihn um Rat zu ihrer Meditation, Lebensführung und ihrer Gesundheit. Dennoch zögerte er, ein Guru zu sein. Es war keine Überraschung, dass ein gewisser Grad an Argwohn und Missgunst unter den Einheimischen herrschte. "Manche Einheimische wollten uns nicht akzeptieren. Sie dachten, wir praktizieren eine Art schwarzer Magie. Das kränkte mich, weil wir immer versuchen, positive Dinge zu tun und niemanden zu verletzen. Der Buddhismus lehrt Liebe und Mitgefühl. Jetzt akzeptieren uns die Leute, aber früher war es schwierig. Wir wurden aus unserer Heimat verjagt und jetzt versuchten andere Menschen uns wieder zu verjagen."

Die 70er Jahre waren eine Zeit außerordentlicher spiritueller Aktivitäten in Samye Ling. „Viele große Lehrer kamen, weil wir da größte Zentrum waren. Weil wir die ersten waren, blieben sie über Wochen und Monate. Heute gibt es so viele Zentren, das so etwas nicht mehr möglich ist."

Die 80er in Samye Ling waren bestimmt durch den Bau eines Tempels im tibetischen Stil, der erste welcher außerhalb von Tibet, Indien und Nepal erbaut wurde. In dieser Zeit gehörten 200 Menschen zur Samye Ling Gemeinschaft, und von jedem wurde erwartet, dass er beim Bau des Tempels mit Hand anlegte. Laut Berichterstattung eines Augenzeugen war das erste Mal, dass jemand von Akongs Plänen erfuhr, als er alle zu einer Versammlung rief und einen Spaten in der Hand hielt. Er sagte: "Wir werden einen Tempel bauen und wir beginnen jetzt." Als der Tempel kurz vor der Vollendung stand, wurde er vom Dalai Lama höchstpersönlich besucht, er hielt die ersten Belehrungen ab in einem Gebäude, welches noch mit Baugerüsten und Planen bedeckt war.

Am 8. August 1988 wurde der Tempel vom damaligen Sozialdemokraten und Liberalen Politiker David Steel und dem hohen tibetischen Lama Tai Situpa eröffnet. Der in Fife geborene David Steel, der im gleichen Tal gegenüber von Samye Ling wohnt, war seit Beginn der Tempelerbauung ein Freund von Samye Ling. Er sagte: "Ich erinnere mich als der Dalai Lama zum ersten mal da war, war es Anfang Mai und es lag Schnee auf den Hügeln. Ich erzählte ihm, der Schnee sei extra dort ausgelegt worden, damit er sich zu Hause fühlt. Eines der schönsten Dinge an Samye Ling ist die Tatsache, dass sie immer großen Wert darauf gelegt haben, Angehörige etablierter Religionen aus Schottland einzuladen. Ich habe den Kardinal dort getroffen, und den Leiter der Church of Scotland. Was die Grenzregion angeht, ist eine Touristenattraktion daraus geworden. Anfangs waren sie dafür verantwortlich, die Dorfschule zu retten. Zu einer Zeit waren die Mehrzahl der Schulkinder in Eskdalemuir Buddhisten."

Der bekannte schottische Frisör Charlie Miller, der zum ersten Mal vor 29 Jahren als spiritueller Nomade nach Eskdalemuir kam auf der Suche nach "einem Typen namens Sammy Ling" findet, dass das Zentrum einen wunderbaren Beitrag für Schottland geleistet hat. "Schottland war sehr gut zu Samye Ling, aber Samye Ling hat auch Schottland bereichert. Es ist ein außergewöhnlicher Ort. Ich bin nie dort weggegangen, ohne Nutzen zu empfinden."

Der Geschäftsmann Thom McCarty, der in New York geboren wurde und jetzt drei Geschenkläden in der Altstadt Edinburghs besitzt, lebte für 10 Jahre in Samye Ling und sammelte 1,25 Millionen Pfund für das Holy Island Projekt. Er sagt: "Ich ging dort hin als ein kriegsversehrter Vietnam Veteran mit Platzangst und war vollkommen verstört. Akong Rinpoche verwandelte mich in ein nützliches Glied der Gesellschaft. Nach 10 Jahren schmiss er mich raus und meinte ich solle etwas Nützliches tun." McCarty leitet heute die Kampagne zur Gründung eines tibetischen Zentrums in Edinburgh.

Während jeder seine eigene Samye Ling Geschichte zu erzählen hat, ist Akong Rinpoches größte Leistung, überall in der Welt Kontakte geknüpft zu haben. "Auf internationaler Ebene wurde viel erreicht. Das Zentrum Samye Ling wird in anderen Teilen der Welt als Vorbild akzeptiert." In 28 Ländern von Südafrika bis Deutschland gibt es Außenstellen von Samye Ling, als Samye Dzongs bekannt.

Seit 1990 ist Akong Rinpoche hauptsächlich mit Wohltätigkeitsarbeit in Tibet beschäftigt. Um die tibetische Sprache und Kultur zu schützen, hat die Ropka Organisation Hunderte von Ärzten und Lehrern ausgebildet, viele von Ihnen sind Waisenkinder oder kommen aus Nomadenfamilien. Bei seinem letzten Besuch in seinem Heimatkloster Dolma Lhakang, das er 11 Jahre lang nicht besuchen konnte, kamen 10 000 Menschen, um ihn um seinen Segen zu bitten. Viele von ihnen marschierten 3 Tage über die Berge, um von ihm am Kopf berührt zu werden.

Und doch findet er Zeit für seine Freunde in Schottland. Im Februar, am ersten Tag des tibetischen Jahres des Feuer-Schweins saß Rinpoche einer großartigen Neujahrsfeier vor, bei der seine eigene große Familie mit Kindern und Enkelkindern, sowie etwa 500 Menschen zugegen waren. Es wurden traditionelle schottische Lieder und "Happy Birthday Samye Ling" gesungen. Nach der Party enthüllte Rinpoche eine Überraschung: den neuen Samye Ling Tartan (Schottenstoff), in subtilen Rotschattierungen für Mönche und Nonnen, und leuchtendem gelb, rot und blau für Laien. Ein früherer Mönch fragte ihn: "Rinpoche, bedeutet das, das wir jetzt ein Clan sind, und du bist das Oberhaupt des Clans?"

Claire Smith